Sauerteig zu sauer: Führung und Temperatur steuern den Geschmack
Ein Sauerteig, der zu sauer schmeckt, ist selten ein Zeichen für einen verdorbenen Ansatz. Meist liegt die Ursache in der Führung: Wie oft wird aufgefrischt, in welchem Verhältnis, bei welcher Temperatur und über welche Zeit. Milchsäurebakterien und Hefen arbeiten in einem empfindlichen Gleichgewicht. Verschiebt sich dieses, dominieren schnell Essigsäure und andere flüchtige Säuren, die das Brot aggressiv und kratzig wirken lassen. Wer den Teig nur selten füttert oder ihn lange warm stehen lässt, gibt den säurebildenden Kulturen einen Vorteil.
Die Temperatur ist dabei der stärkste Hebel. Bei niedrigen Temperaturen zwischen 18 und 22 Grad entsteht eher Milchsäure, die mild und joghurtartig schmeckt. Wird der Ansatz dagegen über längere Zeit bei 28 bis 32 Grad gehalten, produzieren die Bakterien vermehrt Essigsäure – das typische, scharfe Saueraroma. Viele Backende wünschen sich genau das für Roggenbrote, doch die Grenze zur unangenehmen Übersäuerung ist fließend. Ein zu warmer und zu langer Stand über Nacht ist die häufigste Ursache für ein Ergebnis, das selbst eingefleischte Sauerteigfans als ungenießbar abtun. Wer sein Brot trotzdem retten will, findet unter zu saures Brot praktische Hinweise, wie sich Führung und Temperatur gezielt nachjustieren lassen.
Neben der Wärme spielt das Auffrischverhältnis eine entscheidende Rolle. Ein Verhältnis von 1:5:5 (Anstellgut zu Mehl zu Wasser) verdünnt die vorhandene Säure stärker als 1:1:1 und führt zu einem milderen Endprodukt. Auch die Mehlwahl beeinflusst den Geschmack: Vollkornmehle und Roggen liefern mehr Nährstoffe für die Mikroorganismen und säuern schneller. Wer mit Weizenmehl Typ 550 arbeitet und den Teig kürzer reifen lässt, erhält oft ein deutlich ausgewogeneres Aroma. Entscheidend ist, den eigenen Starter regelmäßig zu beobachten und auf Geruch sowie Konsistenz zu reagieren, statt starr nach Rezept zu arbeiten.
Ein zu saurer Sauerteig lässt sich korrigieren. Häufigeres Auffrischen mit kühlerem Wasser, eine kürzere Reifezeit und ein höherer Mehlanteil beim Füttern senken den Säuregrad spürbar. Wer den Starter zudem vor dem Backen einige Stunden bei Raumtemperatur statt in der Wärme reifen lässt, gewinnt Kontrolle über das Aroma. Mit etwas Geduld wird aus einem übersäuerten Ansatz wieder ein verlässlicher Partner für aromatisches Brot, das Säure und Süße in Balance bringt.